Hermann Jünger als Schmuck-Provokateur — wie die Münchener Schule die Disziplin verändert hat
Hermann Jünger lehrte von 1972 bis 1990 an der AdBK München und prägte eine Schul-Generation, die Schmuck als autonom-skulpturalen Gegenstand neu dachte. Eine Bestandsaufnahme zur Münchener Linie der Contemporary Jewellery.
In der Goldschmiede-Werkstatt eines klassisch ausgebildeten Meisters der frühen 1960er-Jahre lag das Wissen, was Schmuck zu sein hatte, in jedem Werkzeug-Auszug verankert: die abgestuften Treib-Hämmer, die Ziselier-Punzen in der Reihen-Schublade, der Schraubstock mit Holzbacken für die Brosche, die Polier-Walze für den End-Glanz. Der Werkstatt-Sound war eine kontinuierliche Tonleiter aus Hammer-Tippen und Polier-Rumpeln, und am Ende lag auf der schwarzen Filz-Auflage etwas, das man als Schmuck wiedererkannte: einen Anhänger mit Stein, einen Ring mit Brillant-Solitär, eine Brosche mit emaillierter Mittelfläche. Die formale Frage, was Schmuck sei, stellte sich nicht. Die handwerkliche Frage, wie er auszuführen sei, war der gesamte Berufs-Inhalt.
Hermann Jünger (1928–2005) hat genau diese formale Frage in der Münchener Lehre eröffnet — und damit eine Schul-Generation losgelöst, deren Wirkung bis ins Jahr 2026 in den Schmuck-Hochschulen Europas spürbar bleibt.
Vom Werkstatt-Schüler zum Lehrer
Jünger ist 1928 in einer deutschen Goldschmiede-Region zur Welt gekommen, in einer Familien-Tradition, die das Berufsbild bereits seit Generationen kannte. Er hat seine erste handwerkliche Ausbildung an der Staatlichen Zeichenakademie durchlaufen — der einzigen Europas akkreditierten Akademie für Goldschmiede-Berufe — und anschließend an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in München studiert, wo er bei Franz Rickert die Schmuck-Klasse durchlaufen hat. Rickert war ein Meister-Goldschmied mit einer reduktionistisch-modernistischen Formsprache; seine Werkstatt-Auffassung war die einer eleganten Reduktion auf wenige geometrische Volumina, ausgeführt in einer perfekten handwerklichen Geste.
Jünger hat diese Grundlage übernommen und sie in einer eigenen Werk-Linie schrittweise gesprengt. Ab der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre — er war damals Mitte zwanzig — beginnen in seinen Arbeiten Elemente aufzutauchen, die mit der reduktionistisch-modernistischen Schmuck-Auffassung der Nachkriegszeit nicht mehr in Übereinstimmung zu bringen sind. Reliefierte Flächen statt polierter Geometrien, gestisch-narbige Oberflächen statt glatter Volumina, asymmetrische Kompositionen, in denen ein gefasster Stein nicht mehr Mittelpunkt, sondern Mitspieler einer flächigen Bild-Komposition ist.
In den frühen 1960er-Jahren entstanden dann die Arbeiten, die als sein Durchbruch gelten. Anhänger und Broschen, in denen Email-Felder, Gold-Granulations-Korn und gefasste Steine in einer freien Komposition zusammengeführt wurden — Bild-Felder, die formal näher an einem zeitgenössischen Tafel-Bild lagen als an einem klassischen Schmuck-Stück. Es waren keine Schmuck-Objekte, die durch ihre Funktion (zu schmücken) definiert blieben. Es waren autonom-bildnerische Gegenstände, die sich nachträglich als trag-bar erwiesen.
Die Lehre 1972–1990
Jünger hat 1972 die Schmuck-Klasse an der AdBK München übernommen und sie bis 1990 geleitet. Achtzehn Jahrgänge, in einem überschaubaren Klassenraum, mit individuell-engmaschiger Werkstatt-Betreuung. Die Liste der Absolvent:innen liest sich wie ein Inventar der europäischen Contemporary-Jewellery-Bewegung der späten 1970er-, 1980er- und frühen 1990er-Jahre.
Otto Künzli hat dort studiert und ist später der wohl prominenteste Erbe der Jünger-Lehre geworden. Seine konzeptuell-zugespitzten Arbeiten — die schwarze Gummi-Brosche „Punkt” von 1980, die Gold-Kugel an der Halskette, das Tapeten-Schmuck-Projekt — sind ohne den Jünger-Klassenraum nicht denkbar, in dem die Frage „Was ist Schmuck überhaupt?” zum täglichen Werkstatt-Gespräch gehörte. Künzli ist später selbst Professor in München geworden und hat die Lehr-Linie ab 1991 weitergeführt; er hat dort eine eigene Schülerschaft geprägt, in der sich die zweite Generation der Münchener Linie organisiert.
Daniel Kruger hat dort studiert, ein Südafrikaner, dessen Arbeiten eine besondere Verbindung zwischen klassisch-handwerklicher Goldschmiede-Praxis und ornamentaler Erzähl-Lust eingegangen sind; er ist später Professor an der Burg Giebichenstein in Halle geworden und hat die Münchener Linie damit in die ostdeutsche Hochschullandschaft eingeschrieben. Andreas Eberharter, Ulrike Bahrs, Manfred Bischoff — der italienisch-schweizerische Goldschmied, dessen späte Werk-Reihen zwischen archaisch-mythologischer Bildwelt und Werkstatt-Präzision lagen — gehören zu den prägenden Namen, die in der Jünger-Klasse formiert wurden.
Otto Künzli hat in einem späteren Rückblick formuliert: Jünger habe in der Klasse nicht so sehr unterrichtet, wie etwas auszuführen sei, sondern warum — und dann gewartet, bis die Studierenden die eigene Antwort gefunden hätten. Diese Methode habe gelegentlich Monate gekostet, sei aber die einzige gewesen, die zu autonomen Werk-Linien geführt habe.
Die formale Eröffnung — Schmuck als autonom-skulpturaler Gegenstand
Was Jünger im Lehr-Klassenraum eingeführt hat, war eine konzeptionelle Trennung zwischen Schmuck als Funktions-Objekt (etwas, das die Trägerin schmückt) und Schmuck als autonom-bildnerischem Gegenstand (etwas, das als Werk eigenständig steht und beiläufig auch tragbar sein kann). Diese Trennung war im Jahr 1972 in der deutschsprachigen Schmuck-Lehre nicht etabliert. Sie ist heute, im Jahr 2026, in jeder Schmuck-Hochschule Europas selbstverständlich — und Jüngers Klassenraum war einer der Orte, an denen die Selbstverständlichkeit entstanden ist.
Die formale Konsequenz dieser Trennung war eine Öffnung der Material-Palette und eine Lockerung der Ornament-Auffassung. In den Jünger-Klassen der 1970er- und 1980er-Jahre tauchten Werkstoffe auf, die im klassischen Goldschmiede-Berufsbild bestenfalls als Hilfsmaterial galten: Aluminium, Eisen, Stahldraht, Glas, Stein, Holz, später Kunststoff, Gummi, Textil, Fundstücke. Gold und Silber blieben präsent, aber sie verloren ihre kategoriale Vorrang-Stellung. Ein Anhänger aus oxidiertem Eisen mit einem aufgesetzten Gold-Granulations-Korn war kein Verstoß gegen die Disziplin mehr — er war eine bewusste Verhandlung über das, was die Disziplin auszuhalten hatte.
Parallel dazu blieb die handwerkliche Anforderung in der Münchener Klasse hoch. Jünger hat nie eine Werkstatt-Schule geführt, in der konzeptionelle Geste die handwerkliche Ausführung ersetzen durfte. Wer eine Treib-Schale falsch aufgezogen hat, hat sie wieder aufzogen — und zwar so lange, bis sie saß. Die Schmuck-Disziplin im Jünger-Verständnis war ein Doppel-Geschäft aus konzeptioneller Eröffnung und handwerklicher Konsequenz. Erst diese Doppel-Anforderung hat die Münchener Schule von der parallel sich entwickelnden konzeptuell-radikaleren Amsterdamer Linie unterschieden, in der Robert Smit, Onno Boekhoudt und andere die handwerkliche Frage gelegentlich offener gelassen haben.
Spannung zur Werkstatt-Tradition
Die Jünger-Lehre hat nicht im luftleeren Raum stattgefunden. In der gleichen Zeit haben die deutschen Goldschmiede-Verbände, die Handwerkskammern, die Lehr-Werkstätten der traditionellen Linie eine andere Berufs-Auffassung gepflegt: Schmuck als Funktions-Objekt für den Endkunden, ausgeführt in einer breiten Repertoire-Technik aus Gravur, Fassung, Ziselierung und Email, mit klar definiertem Kundenbild und klar definiertem Markt-Segment. Diese Tradition ist eine sehr gute Tradition, und sie ernährt bis heute die Mehrheit der deutschen Goldschmiede-Betriebe.
Die Münchener Linie hat dieser Tradition nicht den Kampf angesagt — sie hat eine parallele Werk-Form etabliert. Aber die institutionelle Spannung zwischen den beiden Linien war in den 1970er- und 1980er-Jahren erheblich. Die jungen Künzli-, Kruger-, Eberharter-Stücke der frühen 1980er-Jahre wurden auf den Verbands-Messen mit Skepsis kommentiert: zu konzeptuell, zu wenig „Schmuck”, zu wenig auf den Endkunden bezogen. Es hat eine Generation gebraucht, bis die institutionelle Anerkennung im klassischen Verbands-Umfeld nachgezogen hat.
Heute, im Jahr 2026, ist die Spannung in eine produktive Koexistenz übergegangen. Die großen Schmuck-Messen — Inhorgenta München, VicenzaOro — führen in ihren Designer-Hallen Werkstätten der Münchener Linie selbstverständlich neben klassisch-traditionellen Werkstätten. Die Sammlungs-Lage der Museen — vor allem das Schmuckmuseum Pforzheim, aber auch das Stedelijk Museum Amsterdam, das Cooper Hewitt in New York, das Victoria & Albert Museum London — hat die Münchener Schule in ihre Bestände aufgenommen und kuratorisch verortet.
Sammlungs-Lage und Auktions-Echo
Das Schmuckmuseum Pforzheim verwahrt eine der dichtesten Sammlungen von Jünger-Arbeiten und Werken seiner Schul-Generation. Cornelie Holzach, die das Haus seit 2002 leitet, hat in mehreren Sonderausstellungen die Münchener Linie kuratorisch aufgeschlüsselt und ihre Anschlussfähigkeit an die internationale Contemporary-Jewellery-Bewegung sichtbar gemacht. Das Stedelijk Museum Amsterdam hält im internationalen Vergleich die zweitgrößte Sammlung der Münchener Linie, mit besonderem Schwerpunkt auf den Werken Künzlis und Kruger:s.
Im Auktions-Geschehen hat die Münchener Linie eine erkennbare, wenn auch im Vergleich zu klassisch-juwelierhaften Spitzen-Stücken bescheidene Preis-Entwicklung erlebt. Bei Sotheby’s und im Dorotheum Wien sind seit der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre regelmäßig Werke der Schule versteigert worden, oft im Rahmen kuratorisch geführter Schmuck-Auktionen mit thematischem Schwerpunkt auf der zeitgenössischen Disziplin. Spitzen-Werke Jüngers selbst haben in jüngeren Versteigerungen Zuschlags-Preise im niedrigen fünfstelligen Bereich erzielt — eine Größenordnung, die für ein nicht-edelstein-getragenes, konzeptionell-handwerkliches Stück eine bemerkenswerte Markt-Anerkennung darstellt.
Was bleibt
Hermann Jünger ist 2005 gestorben. Seine Lehr-Linie hat in der zweiten und dritten Generation eine Verzweigung erfahren — über Künzli in München, über Kruger in Halle, über Bischoff in der italienisch-deutschen Werkstatt-Tradition, über weitere Lehr-Anschlüsse in Pforzheim, Düsseldorf und Wien. Die ursprüngliche konzeptionelle Geste — Schmuck als autonom-bildnerischer Gegenstand — ist heute selbstverständlicher Teil des Disziplin-Verständnisses. Was bleibt, ist die Doppel-Anforderung aus konzeptioneller Klarheit und handwerklicher Konsequenz, die Jünger im Münchener Klassenraum nicht zu lockern bereit war.
In den Werkstätten der dritten Generation, die heute, im Mai 2026, in München, Halle, Pforzheim und an einer Handvoll weiterer Schul-Standorte arbeiten, ist diese Doppel-Anforderung weiterhin spürbar — auch dort, wo die formal-konzeptionelle Sprache längst eine andere geworden ist. Es ist, im Rückblick, die nachhaltigere Geste der Münchener Lehr-Jahre.