Editio Domini · MMXXVI

Punze

Magazin für Goldschmiede-Handwerk, Schmuck und angewandte Kunst


← Magazin 12. Mai 2026
Sammlung · 15 min

Schmuckmuseum Pforzheim 2026 — die laufende Ausstellung im Reuchlin-Haus jenseits der Highlight-Stücke

Cornelie Holzach kuratiert im Reuchlin-Haus eine Schmuck-Sammlung von rund 2.000 Stücken aus dreieinhalb Jahrtausenden. Eine Bestandsaufnahme zur laufenden Dauer­präsentation, zu jüngeren Erwerbungen und zur schwierigen Vermittlungs-Frage zwischen Schmuck-Schmuck-Erwartung und Contemporary Jewellery.

Es gibt unter den europäischen Schmuck-Museen genau eines, das die Disziplin in ihrer chronologischen Vollständigkeit von der Antike bis zur Gegenwart unter einem Dach versammelt — und das diese Versammlung zugleich in einem Architektur-Solitär präsentiert, dessen Bau-Form mit dem kuratorischen Anspruch des Hauses eine produktive Spannung eingegangen ist. Das Schmuckmuseum Pforzheim im Reuchlin-Haus, geführt seit 2002 von Cornelie Holzach, ist im Mai 2026 weiterhin das, was es seit Jahrzehnten gewesen ist: das deutsche Referenz-Haus für die Disziplin Schmuck, mit einem Sammlungs-Bestand von rund 2.000 Stücken und einer Ausstellungs-Praxis, die die Disziplin in ihrer Breite und ihrer Tiefe ernst nimmt.

Das Reuchlin-Haus — eine architektonische Auseinandersetzung

Das Reuchlin-Haus wurde 1961 nach Plänen von Manfred Lehmbruck (1913–1992) fertig­gestellt. Lehmbruck war der Sohn des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck und selbst ein im Nachkriegs-Deutschland kontinuierlich gefragter Museums- und Ausstellungs-Architekt; das Reuchlin-Haus gilt unter Architektur-Historiker:innen als eines seiner architektonisch konsequentesten Werke.

Der Bau ist ein Sichtbeton-Solitär in zurückhaltender Geometrie, mit klar definierten Geschoss-Volumina, einer schwebend wirkenden Auskragung über dem Eingangs-Bereich und einer durchgehend gerasterten Fenster-Front zur Innenseite des Areals. Die Innenraum-Disposition ist auf den Sammlungs-Inhalt zugeschnitten: niedrige, hoch-konzentrierte Vitrinen-Räume mit präziser Licht-Führung, zwischen denen sich offenere Vermittlungs-Zonen aufspannen. Die Sichtbeton-Wände bleiben sichtbar und treten der Schmuck-Präsentation als gestalterischer Gegenpol entgegen — eine Setzung, die in der ersten Rezeption der frühen 1960er-Jahre kontrovers kommentiert wurde, sich aber als kuratorisch tragfähig erwiesen hat. Die Klein-Geste der Schmuck-Stücke und die Groß-Geste des Beton-Raums bilden einen Größen-Kontrast, der die Aufmerksamkeit auf die Schmuck-Detail-Ebene fokussiert, statt sie im Raum-Volumen zu verlieren.

Das Haus ist 2006 unter Denkmal-Schutz gestellt worden. Eine grundlegende Sanierung zwischen 2017 und 2019 hat die bauliche Substanz für die kommenden Jahrzehnte stabilisiert, ohne die Lehmbruck-Disposition zu verstellen. Die Vitrinen-Technik wurde modernisiert (klimatisierte Mikro-Kammern für die organischen Anteile bestimmter Schmuck-Stücke, LED-Licht-Führung statt der ursprünglichen Halogen-Lösung); die Raum-Architektur ist unverändert geblieben.

Die Sammlungs-Architektur — von der Antike bis zur Contemporary Jewellery

Die Dauer­präsentation gliedert die rund 2.000 Sammlungs-Stücke in eine chronologische Folge, die in fünf Haupt-Abschnitte aufgeteilt ist.

Antike und Spät-Antike. Etruskisches Granulations-Gold, römisches Fingerring-Repertoire, byzantinische Cloisonné-Email-Stücke. Die etruskische Sektion ist eine der dichtesten in Europa und bietet die Möglichkeit, die Granulations-Technik in mehreren Schlüssel-Werken nebeneinander zu studieren — eine Lehr-Funktion, die im Vermittlungs-Programm des Hauses für Goldschmiede-Auszubildende systematisch genutzt wird.

Mittelalter und Frühe Neuzeit. Liturgischer Schmuck, Pilger-Zeichen, Renaissance-Anhänger mit ihrem charakteristischen email-flächigen und edelstein-besetzten Erscheinungsbild. Die Übergangs­zone zur frühneuzeitlichen Goldschmiede-Praxis (späte 15. bis 17. Jahrhundert) zeigt die schritt­weise Etablierung der heute noch werkstattlichen Repertoire-Techniken: Email champlevé, plique-à-jour, Treib-Repoussé, Filigran-Anschluss.

19. Jahrhundert. Der Schwerpunkt der Pforzheim-spezifischen Sammlungs-Geschichte. Die regionale Schmuck-Industrie hat im 19. Jahrhundert eine Größen-Ordnung erreicht, die das städtische Selbst-Verständnis bis heute prägt; die Sammlung dokumentiert dieses Kapitel mit einer Tiefe, die andernorts so nicht vorliegt. Castellani-Werkstatt-Stücke und das archäologisierende Schmuck-Genre der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind in der Pforzheimer Auslage in mehreren Schlüssel-Werken vertreten.

Jugendstil bis Art Déco. Lalique-Stücke, die deutsche und österreichische Jugendstil-Linie, die 1920er-Jahre-Stilisierungs-Welle. Eine Sektion, die für Besucher:innen mit klassischer Schmuck-Wahrnehmung den intuitivsten Anschluss bietet — die formal-eleganten Stilisierungen dieser Epochen sind in der breiten Schmuck-Wahrnehmung als „Schmuck-Schmuck” akzeptiert.

20. und 21. Jahrhundert. Die kuratorisch anspruchsvollste Sektion. Sie versammelt die Nachkriegs-Modernisten (Friedrich Becker, Sigurd Persson, die skandinavische Schule), die Münchener Linie um Hermann Jünger (vertreten mit mehreren Schlüssel-Werken aus den 1960er- bis 1990er-Jahren), die Schul-Nachfolge in Otto Künzli, Daniel Kruger und Manfred Bischoff, die Amsterdamer Linie (Onno Boekhoudt, Robert Smit), die zeitgenössische Generation in Karl Fritsch, Lisa Walker, Tanel Veenre und weiteren. Die Sektion ist im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte deutlich gewachsen und beansprucht im Reuchlin-Haus inzwischen einen relevanten Teil der Ausstellungs-Fläche.

Jüngere Erwerbungen seit 2018

Die Erwerbungs-Politik des Hauses unter Cornelie Holzach hat in der zweiten Hälfte der 2010er- und in den 2020er-Jahren einen erkennbaren Schwerpunkt auf der zeit­genössischen Disziplin entwickelt. Mehrere Erwerbungs-Jahrgänge dokumentieren die strategische Linie:

  • Die Aufnahme einer mehrteiligen Werk-Reihe von Lisa Walker (Neuseeland, lebt und arbeitet in Wellington) im Jahr 2019 — Brosche-Objekte aus gemischten Werkstoffen, in denen Fundstücke, Kunststoff und Gold zu konzeptuell verdichteten Kompositionen zusammen­geführt werden.
  • Die Erwerbung einer Karl-Fritsch-Ring-Reihe 2021, die die Werkstatt-eigene Ring-Geste des Münchener Goldschmieds in ihrer rauen, gestisch-skulpturalen Form-Sprache repräsentiert.
  • Mehrere Erwerbungen aus der mittleren Generations-Linie der Schmuck-Hochschulen — Absolvent:innen der HfG Pforzheim, der AdBK München, der Burg Giebichenstein in Halle, der Kunstakademie Düsseldorf und der Wien Universität für angewandte Kunst, die in den Jahren 2018 bis 2024 mit Diplom-Arbeiten oder frühen Werk-Reihen in die Sammlung aufgenommen wurden.

Die Erwerbungs-Tätigkeit wird durch eine Mischung aus Eigen-Mitteln, regionalen Förder-Strukturen (vor allem die Stadt Pforzheim und das Land Baden-Württemberg) und gezielten Stiftungs-Beziehungen finanziert. Die Größen-Ordnung ist im internationalen Vergleich bescheiden — das Schmuckmuseum verfügt über einen Erwerbungs-Etat, der in einer guten Größen-Ordnung liegt, aber nicht mit den Etats der großen kunst­gewerblichen Häuser in London, New York oder Amsterdam mithalten kann. Die kuratorische Klarheit und die regionale Verankerung erlauben dem Haus dennoch eine Erwerbungs-Linie, die international beachtet wird.

Die Vermittlungs-Frage

Die schwierigste Aufgabe des Hauses ist im Mai 2026 nicht die Sammlungs-Pflege und auch nicht die Erwerbungs-Strategie. Die schwierigste Aufgabe ist die Vermittlungs-Frage bei der zeit­genössischen Sektion.

Die Mehrheit der Besucher:innen kommt mit einer Schmuck-Wahrnehmung, die auf die klassisch-juwelierhafte Form-Sprache geeicht ist. Was als „Schmuck” wahrgenommen wird, ist ein gold- oder platin-getragenes Stück mit einem oder mehreren gefassten Edelsteinen, in einer technisch sauberen Ausführung, mit einer formal-eleganten Linie. Die Sektion 20./21. Jahrhundert erfüllt diese Erwartung punktuell — die Nachkriegs-Modernisten und die Jugendstil-Vorläufer-Sektion liefern Anschluss-Punkte —, sie bricht sie aber in der Mehrheit der zeit­genössischen Werke. Ein Otto-Künzli-Stück aus geschwärztem Aluminium, eine Karl-Fritsch-Ring-Skulptur aus oxidiertem Silber, eine Lisa-Walker-Brosche aus Fundstücken — diese Werke fordern eine Wahrnehmungs-Geste, die die Mehrheits-Besucher:innen nicht im Gepäck mitbringen.

Das Haus arbeitet seit Jahren an dieser Vermittlungs-Lücke mit einer Kombination aus Wand-Texten, Audio-Guide-Spuren, Vermittlungs-Veranstaltungen, Werkstatt-Programmen und kuratorisch geführten Rundgängen. Die Wirkung ist unterschiedlich. In den Werkstatt-Programmen für Goldschmiede-Auszubildende und Schmuck-Hochschul-Studierende ist die zeit­genössische Sektion problemlos zugänglich — das Fach-Publikum bringt die nötige Wahrnehmungs-Grundlage mit. Für die nicht-fachliche Mehrheits-Besucher­schaft bleibt die Sektion eine Heraus­forderung, die nicht in jedem Einzelfall in eine produktive Wahrnehmungs-Erfahrung aufgeht.

Cornelie Holzach hat in einem Interview im Verlauf der jüngeren Jahre die Vermittlungs-Aufgabe so formuliert: Ein zeit­genössisches Schmuck-Stück müsse den Besucher:innen die Möglichkeit lassen, sich zu fragen, ob es ein Schmuck-Stück oder ein anderes Objekt sei. Diese Frage offen zu halten, statt sie vorgreifend zu beantworten, sei der kuratorische Ehr-Anspruch — und zugleich die kuratorische Härte, die das Haus an seine Besucher:innen heran-trage.

Dieser kuratorische Anspruch ist konsequent. Er ist aber im Mai 2026, in einem Museums-Umfeld, in dem die Besucher-Zahlen-Logik aller Häuser zunehmend in den Vorder­grund rückt, eine Position, die institutionelles Selbstbewusstsein braucht. Das Schmuckmuseum Pforzheim hat dieses Selbst­bewusstsein bislang aufgebracht — und damit eine Ausstellungs-Linie aufrecht­erhalten, die im deutschen Museums-Feld eine ihrer wenigen vergleichbaren Stellen darstellt.

Werkstatt-Anbindung und Forschungs-Programm

Eine kuratorisch weniger sichtbare, aber für die Disziplin wichtige Linie des Hauses ist die Werkstatt-Anbindung. Das Schmuckmuseum unterhält Lehr-Beziehungen zu den deutsch­sprachigen Schmuck-Hochschulen, vor allem zur direkt benachbarten HfG Pforzheim, und stellt Sammlungs-Stücke für die Lehr-Recherche zur Verfügung. Die Möglichkeit, ein etruskisches Granulations-Stück, ein Jünger-Email-Stück und ein Künzli-Aluminium-Stück in derselben Werkstatt-Sitzung studieren zu können, ist eine Lehr-Ressource, die in dieser Konzentration europaweit kaum eine Parallele hat.

Das Forschungs-Programm des Hauses publiziert in unregelmäßigen Abständen Sammlungs-Kataloge und themen­bezogene Publikationen. Die jüngeren Bände der 2020er-Jahre haben Schwerpunkte zur Münchener Schule, zur Geschichte der Pforzheim-spezifischen Industrie-Schmuck-Produktion und zur Material-Frage der zeit­genössischen Disziplin gesetzt. Die Publikationen sind über den Museums-Vertrieb und über den fachlichen Buch­handel zugänglich.

Schluss

Das Schmuckmuseum Pforzheim ist im Mai 2026 das, was es seit Jahrzehnten gewesen ist: ein Haus, das die Disziplin Schmuck in ihrer chronologischen Breite und in ihrer zeit­genössischen Tiefe ernst nimmt, in einem Architektur-Solitär, der diese Ernst-Nahme baulich übersetzt. Die Vermittlungs-Frage bleibt offen; die kuratorische Linie bleibt konsequent. Für Goldschmiede:innen, Schmuck-Designer:innen, Studierende und ein fachlich-interessiertes Publikum bleibt das Reuchlin-Haus eine Adresse, die in der Disziplin keine echte Alternative kennt.


Ressort: Sammlung